No-Code, Low-Code & KI am PM-Club der BFH

Am 23. Juni 2026 waren wir zu Gast an der Berner Fachhochschule – eingeladen vom PM-Club / HERMES Connect Hub für einen Abend rund um das Thema, das gerade viele Unternehmen bewegt: No-Code, Low-Code und KI.
Gemeinsam mit Andreas Hosang (Hosang Consulting GmbH, Vorstand HERMES Connect Hub) und Tobias Kluge (incratec GmbH) haben wir dasselbe Thema aus drei verschiedenen Warten beleuchtet: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Nicht als Podiumsdiskussion, sondern als drei aufeinander aufbauende Blickwinkel – mit dem Ziel, den rund 80 anwesenden Projektleiterinnen und Projektleitern echte Orientierung zu geben.
Dieser Beitrag fasst die zentralen Erkenntnisse des Abends zusammen.

Teil 1 – Vergangenheit: Wenn man Software führt statt baut
Andreas Hosang eröffnete den Abend mit einer grundlegenden Frage: Wie entsteht Software eigentlich – wenn man sie führt statt selbst baut?
Ausgangspunkt war die klassische Projektrealität. Klassische Softwareprojekte folgen einem klar strukturierten Muster: Architektur, Requirements, Rollentrennung, Governance, Tests. Der technische Aufwand liegt vorne, der Betrieb kommt danach. No-Code und Low-Code verschieben dieses Bild – aber nicht so, wie viele erwarten.
Technisch einfacher heisst nicht automatisch einfacher zu führen.
Die Technologie vereinfacht das Bauen. Die eigentlichen Schwierigkeiten – Abstimmung, Rollenklärung, Wartbarkeit – verschieben sich jedoch. Sie werden nicht kleiner, sie wandern von der Technik zum Menschen und zum Prozess. Wer ein No-Code-Projekt führt, hat plötzlich sehr kurze Bau-Phasen und sehr lange Konsens- und Betriebsphasen.
Andreas schlüsselte die Rollenrealität nach Projektgrösse auf: Kleine Vorhaben werden vom Fachbereich oft in Personalunion entwickelt und betreut. Mit zunehmender Grösse wird dedizierte Projektleitung nicht nur sinnvoll, sondern kritisch. Ein grösseres Vorhaben mit vielen Stakeholdern, Migration und Integrationsbedarf kann auch dann komplex werden, wenn die Technologie einfach wirkt.
Aus seiner Erfahrung mit Hunderten von Projekten – von kleinen Power-Apps bis zu konzernweiten SharePoint-Rollouts – leitete er vier Prinzipien ab:
- Langsam machen, wenn’s pressiert – Ausgangslage, Erwartungen und Komplexität zuerst klären
- Planen, um zu gewinnen – Ehrliche Einschätzung von Fähigkeiten und Risiken
- Projekt steuern, Talent stärken – Coaching-Kapazität einplanen, Junior-Talente nicht alleine lassen
- Hin und her macht leere Taschen – Klare Schnittstellen zwischen Fachbereichen definieren und halten
Die Botschaft des ersten Teils war klar: No-Code und Low-Code sind keine Abkürzung für gutes Projektmanagement. Sie sind eine andere Projektrealität – mit anderen, nicht mit weniger Anforderungen an Führung und Struktur.
Teil 2 – Gegenwart: Wann lohnt sich Low-Code wirklich?
In unserem Teil ist Philippe von einer zentralen Frage ausgegangen, die ich immer wieder in Gesprächen höre: Wann sollte man Low-Code einsetzen – und wann nicht?
Die Antwort ist keine Plattformempfehlung. Sie beginnt mit einer Haltung:
Nicht Low-Code um jeden Preis, sondern die passende Technologie für das passende Problem.
No-Code, Low-Code und Pro-Code sind keine konkurrierenden Technologien. Sie bilden ein Spektrum. Ein Ferienantragsformular kann problemlos No-Code sein. Eine globale Kernbankplattform eher nicht. Die Entscheidung hängt von Anforderungen, Risiko, Lebensdauer und strategischer Bedeutung ab – nicht vom Etikett der Technologie.
Richtig eingesetzt verkürzt Low-Code Entwicklungszeiten deutlich, bindet den Fachbereich stärker ein und entlastet die IT. Falsch eingesetzt entstehen neue Abhängigkeiten, unkontrollierte Anwendungen und technische Schulden.
Besonders geeignet ist der Low-Code-Ansatz, wenn:
- Die Geschäftslogik klar und vergleichsweise stabil ist
- Schnelle Iteration gefragt ist
- Der Fachbereich Hauptnutzer oder Mitgestalter der Lösung ist
- Es sich um Standard-Prozesse handelt: Formulare, Workflows, Dashboards, Reporting
Weniger geeignet ist Low-Code bei hochkomplexen Algorithmen, extremen Performance-Anforderungen oder sehr spezifischen Legacy-Integrationen.
Er verortete Low-Code als Mittelweg zwischen Build und Buy: Configure – schneller als selbst bauen, flexibler als ein starres Standardprodukt.
Low-Code ist kein No-Brain
Gleich vorweg: No-Code und Low-Code bedeuten nicht, dass man sich keine Gedanken mehr machen muss. Geschäftsprozess-Komplexität und Datenqualität verändern sich nicht durch die Technologie.
Wer von einem unstrukturierten Excel-Prozess direkt zu einer KI-generierten Anwendung springt, digitalisiert im schlechtesten Fall das bestehende Chaos. Viele Unternehmen stehen heute noch auf den unteren Stufen: Prozesse laufen in Excel, Access oder über E-Mails. Statt diese Grundlagen zuerst sauber zu strukturieren, versuchen viele, direkt auf die KI-Stufe zu springen.
No-Code und Low-Code können hier eine wichtige Zwischenstufe bilden: Sie bringen Daten, Prozesse, Berechtigungen und Geschäftslogik in eine strukturierte Form. KI kann dann darauf aufbauen.
Risiken, die beim Einstieg oft übersehen werden
Low-Code reduziert Entwicklungsaufwand, eliminiert aber keine Risiken. Ein zentrales Thema ist Vendor Lock-in: Wenn Daten oder Geschäftslogik nicht exportierbar sind, wird ein späterer Wechsel teuer oder praktisch unmöglich. Dazu kommen Third-Party-Abhängigkeiten, Datenschutzanforderungen (revDSG, DSGVO) und Lizenzkosten, die bei steigender Nutzung überraschend schnell wachsen.
Governance ist kein Bremsklotz – sie ist die Voraussetzung dafür, dass Low-Code in einer Organisation dauerhaft funktioniert.
KI reduziert die Eintrittshürde zur Softwareentwicklung, aber nicht die Verantwortung.
Low-Code und KI: eine zunehmend starke Kombination
Ein KI-Agent kann über das Model Context Protocol (MCP) auf eine Low-Code-Plattform zugreifen und dort Datenmodelle anlegen, Workflows konfigurieren oder Aktionen ausführen – innerhalb definierter Governance-Grenzen. Die Plattform wird zur kontrollierten Ausführungsschicht zwischen KI und operativen Systemen.
Low-Code kann für KI das sein, was ein Betriebssystem für Anwendungen ist: eine kontrollierte, standardisierte Umgebung mit klaren Berechtigungen, Datenmodellen und Nachvollziehbarkeit. Statt Tausende Zeilen Code zu generieren, nutzt die KI definierte, geprüfte Bausteine – und die Ergebnisse werden stabiler, dokumentierter und wartbarer.
Teil 3 – Zukunft: Die neue Rolle des Projektleiters
Tobias Kluge schloss den Abend mit einer Frage, die viele im Saal beschäftigt: Was verändert KI an der Arbeit von Projektleiterinnen und Projektleitern – und was nicht?
Seine Antwort: Die Rolle verschiebt sich fundamental – aber sie verschwindet nicht.
Bisher lag ein grosser Teil des Aufwands in der Erstellung und Koordination von Artefakten: Spezifikationen, Prozessbeschreibungen, Statusberichte. Diese Arbeit wandert zunehmend zur Maschine. Das fachliche Urteil, die Entscheidung und die Verantwortung bleiben beim Menschen.
Die Rolle wandelt sich vom Erstellen und Koordinieren von Artefakten hin zum Beurteilen und Verantworten von Ergebnissen.
Tobias illustrierte dies anhand dreier Thesen:
These 1 – Methodenwissen wird zur abrufbaren Ressource. HERMES-Wissen muss nicht mehr im Handbuch gesucht werden – ein KI-Agent stellt es situativ und projektbezogen zur Verfügung. Das verändert, wie Projektleiter mit Methodik umgehen.
These 2 – Menschliche Wertschöpfung verlagert sich zur Prüfung. Was früher Stunden kostete – Prozessbeschreibungen, Anforderungsdokumente – entsteht heute in Minuten. Der Mehrwert liegt nun darin, diese Ergebnisse fachlich zu beurteilen und freizugeben.
These 3 – Sauber abgelegte Information schliesst den Kreis. Wenn Aufgaben und Dokumente KI-zugänglich abgelegt sind, entfällt das manuelle Zuliefern. Die Projektleiterin steuert, gibt frei – und spezifiziert statt auszuführen.
Tobias unterschied klar zwischen Vibe Coding (schnell, intuitiv, für Prototypen geeignet – riskant in Produktion) und Agentic Engineering (Outcome definieren, System begrenzen, Ergebnis prüfen – Governance und Betriebssicherheit inklusive). Der Unterschied ist nicht nur technisch: Er ist eine Frage der Verantwortung.
Was bleibt
Der Abend hat gezeigt, dass das Thema No-Code, Low-Code und KI zu vielschichtig ist, um es in eine einzige Aussage zu fassen. Aber ein Gedanke hat sich durch alle drei Beiträge gezogen:
Das Bauen wird einfacher und schneller, das Führen nicht. Abstimmung, Rollenklärung und Wartbarkeit werden kritischer – nicht weniger wichtig.
Die Technologie verschiebt, wo der Aufwand liegt. Sie beseitigt ihn nicht. Wer das versteht, kann Low-Code und KI gezielt einsetzen – und vermeidet, digitalisiertes Chaos zu erzeugen, das schneller entsteht als je zuvor.
Herzlichen Dank an die BFH, den PM-Club und den HERMES Connect Hub für die Einladung und den ausgezeichneten Abend.
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